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Bad Kohlgrub

 

Prozession

Plötzlich erschien es mir keine Selbstverständlichkeit mehr, daß so viele unserer jungen Burschen und Mädel lieber in den Trachten- oder Schützenverein gehen, als jeden Abend in die Technodisco. Oder daß sich so viele für unsere Heimatmusik begeistern können: In der Blaskapelle, bei den Sänger- und Musikgruppen ebenso wie im Kirchenchor. Es wurde mir klar, wie sehr auch ich mich darüber freue, daß es so etwas noch gibt.

  

Daß es die Gruppe von Kohlenbrennern noch gibt, die jährlich einen Meiler Kohle brennen, nur um das alte Gewerbe der Köhler an die folgenden Generationen weiterzugeben. Einfach in Erinnerung an den Ursprung von Kohlgrub, das einst als "Grube der Köhler" begann.
Daß es noch so zahlreiche Laienschauspieler gibt, die Herzblut und Freizeit in unser Bauertheater stecken.
Daß es noch junge Leute gibt, die eine Bauernhochzeit feiern. Nicht etwa, weil es Mode ist, sondern weil auch für sie unsere Tracht das schönste Kleid ist.
Oder daß es noch Menschen gibt, die alle unsere neun Enzianarten und viele der Orchideen beim Namen kennen.

Tradition bewahren

Ich freue mich darüber, daß es noch niemanden eingefallen ist, unsere Dorflinde gegen eine Verkehrsinsel einzutauschen. Darüber, daß "Bauer" bei uns noch kein Schimpfwort ist, weil eine gesunde und natürliche Landwirtschaft zu uns gehört wie unsere lange Geschichte als Moorheilbad.
Daß das traditionelle Handwerk der Holzschnitzer noch immer ausgeübt wird und daß das typisch bayerische "Mir san mir" bei uns eher still gelebt als laut verkündet wird.

Diese Freunde stimmte mich dankbar. Dankbar dafür, daß wir bei aller Veränderung unseren Wurzeln treu geblieben sind.
Dankbar für Gäste, die es zu schätzen wissen, daß Vergangenheit bei uns nicht für sie inszeniert, sondern von innen heraus gelebt wird. Gäste, die es uns ermöglichen , dies alles zu bewahren. Die uns durch ihre Sicht der Dinge manchmal die Augen dafür öffnen, daß es wirklich etwas Besonderes ist, wenn es das alles noch gibt.

Der kleine Unterschied zwischen Tracht und Tracht

Beim Gamsbart handelt es sich nicht um die Barthaare der Gemse. In keinster Weise. Der Gamsbart wächst auf dem Widerrist, auf dem erhöhten Teil des Rückens. Je stattlicher das Tier, um so schöner sein "Gamsbart", läßt sich denken, eine Rarität von beachtlichem Wert. Nun glaube aber keiner, daß der Adlerflaum eine geringere Kostbarkeit wäre. Im Gegenteil. Und auch der "Hackl", der Spielhahnstoß, steht beiden im Wert als beliebter Hutschmuck nicht nach.

Was trägt man nun wann? Ganz strenge Regeln gibt es wohl nicht. Die Königlichen Gebirgschützen bevorzugen den Hackl. Zur Lederhose gehört eigentlich der Adlerflaum, den Gamsbart trägt man in Kohlgrub zum forstgrünen Trachtenanzug. Und an hohen Festtagen natürlich. Zum ersten Mal meistens bei der eigenen Hochzeit.

Brauchtum und Tradition gehen einher mit dem Kirchenjahr. Vom Neujahranblasen bis zum Christkindlmarkt.

Die Buchstaben des Haussegens "C - M -B", die am Dreikönigstag mit Kreide an jede Haustür geschrieben werden, sind nicht die Initialen der Heiligen Drei Könige, Caspar, Melchior und Balthasar. Sie bedeuten "Christus mansionem benedicat" - Christus segne dieses Haus!

Es ist ein kirchlicher Brauch, daß während der Kartage die Glocken aus Trauer schweigen. Vom Gloria am Gründonnerstag bis zum Gloria in der Osternacht.Stattdessen ersetzten Ratschen, mit denen die Buben durchs Dorf laufen, das Morgen-, Mittag- und Abendläuten.

Am Erntedankfest pilgert noch heute ein Bittgang von Bad Kohlgrub zur Wieskirche. Über 100 Pilger machen sich auf den 3 1/2 stündigen Fußmarsch. Und wieder zurück? Seit es Busse gibt, drückt der Herrgott ein Auge zu.

Mit mehr als 300 Mitgliedern gehört der Trachtenverein mit seinen Untergruppen zu den wichtigsten und stärksten Vereinen des Ortes. Die Plattler pflegen den Volkstanz und bestreiten vergnügliche Heimatabende. Der "Alte historische Tanz" zeigt würdevolle Trachten mit Stopselhut und Fischotterhaube, ohne Kompromisse.
Wem geht das Herz nicht auf bei den Klängen dörflicher Blasmusik? Ob Hochzeit oder Beerdigung, Fronleichnam oder Erntedank - eine Festlichkeit ohne Blaskapelle wäre wie eine Kirche ohne Orgel.

Und verachtet keiner das Bauerntheater. Naturtalente mit altbairischer Volksseele kommen da zum Vorschein.Tiefsinnig und ergötzlich. In Bad Kohlgrub sind es viel Spielgruppen, die jede mit einem anderen Stück die Spielsaison bestreiten. Vier Wochen Kur, viermal Bauerntheater - wo gibt es das?

Nicht zu vergessen die Gebirgsschützenkompanie. Eine Gemeinschaft des wehrhaften Brauchtums einer jahrhundertealten Tradition im Bund der Bayerischen Gebirgsschützenkompanien. Bei der Wiedergründung 1985 mußte der Nachweis erbracht werden, daß die Gebirgsschützenkompanie schon vor 1810 bestanden hatte. Außer dem Nachweis im Bayerischen Staatsarchiv aus dem Jahre 1492 konnte die örtliche Schützengesellschaft einen wunderschönen, bildhaften Beweis vorlegen: Ein Votivbild in der Wieskirche. Die "Barockprozession mit der Infantrie von Kohlgrub" ist heute noch dort zu bewundern. So bestimmen aktive Vereine und Gruppen das Dorfleben in Bad Kohlgrub. Und alle sind herzlich eingeladen daran teilzunehmen.